Unternehmensnachfolge (4): Interview mit Sarah Eichhorn {ARCHIV}
15. Oktober 2024
Bild: Handwerkskammer Düsseldorf
Mit einem Interview mit Sarah Eichhorn, Betriebsberaterin bei der Handwerkskammer Düsseldorf, setzen wir unsere Reihe zur Unternehmensnachfolge fort.
Wifö MH: Frau Eichhorn, welche Schritte sollten Handwerksbetriebe frühzeitig unternehmen, um sich optimal auf die Unternehmensnachfolge vorzubereiten?
Sarah Eichhorn: Handwerksbetriebe sollten sich am besten schon einige Jahre vor der geplanten Unternehmensübergabe Beratung holen. Die Übergabe einer Firma erfolgt übrigens nicht nur aus Altersgründen, sondern oft auch früher, wie z.B. wegen einer Erkrankung. Wir bieten seitens der Handwerkskammer Düsseldorf sowohl bestehenden Handwerksbetrieben als auch Nachfolgeinteressierten kostenfreie Beratung zu dem Themenkomplex an. Oft geht es in einem ersten Schritt darum, wer als Nachfolger/in in Frage kommt – Familienmitglied/er, ein/e Mitarbeiter/in, oder ob noch ein/e externe Nachfolger/in gesucht werden muss, und wie die Übergabe entsprechend vorbereitet werden kann. Dann muss natürlich ein Kaufpreis gefunden werden, und die Gegenseite sollte diesen Preis auch finanzieren können. Hier treten häufig Konflikte auf, denn die Nachfolgenden müssen nicht nur den Kaufpreis aufbringen, sondern benötigen weiteres Kapital zur Bewältigung der Anlaufphase sowie zur Auftragsvorfinanzierung.
Wifö MH: Welche Qualifikationen und Kompetenzen sind für den Nachfolger eines Handwerksbetriebs besonders wichtig, und wie können diese erworben oder gefördert werden?
Sarah Eichhorn: Neben der fachlichen Kompetenz ist eine solide kaufmännische Qualifikation, die auch in der Meisterschule erworben wird, aus meiner Sicht „überlebenswichtig“. Während der Erstellung des Businessplans für die Planung und Finanzierung des Vorhabens, bei der wir die Nachfolgerin oder den Nachfolger sehr unterstützen, lernt man bereits viel über die zukünftige kaufmännische Planung. Allein schon bei der Zusammenstellung und Recherche der Einnahmen und Ausgaben der Firma wird jede Position hinterfragt und Zusammenhänge werden klar. Vorteilhaft ist zudem immer eine Einarbeitungsphase durch die/den Übergebende/n, was den Vorteil hat, dass man auch die zukünftigen Mitarbeitenden, Kunden und Lieferanten schon einmal kennenlernen kann. Die Handwerkskammer bietet zahlreiche kaufmännische Weiterbildungskurse an- z.B. den „geprüften Fachkaufmann/Kauffrau für kaufmännische Betriebsführung HwO.““.
Wifö MH: Welche speziellen Unterstützungsangebote und Dienstleistungen bietet die Handwerkskammer für Handwerksbetriebe, die eine Unternehmensnachfolge planen?
Sarah Eichhorn: Wir stellen neben der kostenfreien, persönlichen Beratung in unserem Beratungszentrum in Oberhausen zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, um sich auf eine Betriebsnachfolge optimal vorzubereiten. Ich
empfehle Nachfolgeinteressierten, unsere „Nachfolgeakademie“ zu besuchen, die aus mehreren kaufmännischen Modulen besteht und in insgesamt vier Nachmittagsterminen das benötigte Wissen kompakt vermittelt. Begleitet werden die Schulungen durch Coaching-Einheiten, in denen die Teilnehmenden ihren persönlichen Nachfolgefahrplan entwickeln und sich mit Gleichgesinnten austauschen können. Zudem bieten wir spezielle Webinare an, z.B. „Unternehmensnachfolge als Karriereweg für Hochschulabsolventinnen und -absolventen“, „Selbständigkeit durch Betriebsübernahme“ oder „Wie finde ich einen Betrieb zur Übernahme?“. Nachfolgeinteressierte können sich beim Karrierescout der Handwerkskammer auch individuell beraten lassen – etwa hinsichtlich der Voraussetzungen und Qualifizierungsmöglichkeiten für eine Selbstständigkeit oder bei Unsicherheiten in der Karriereplanung.
Auch für die übergebende Seite bieten wir umfassende Beratung an – von der Abschätzung des Firmenwertes nach dem handwerksspezifischen Bewertungsverfahren AWH bis hin zur Einstellung des Angebotes in die Nachfolgebörse Nexxt-change. Manchmal haben wir auch Glück, und können direkt Gründerinnen und Gründer, die eigentlich selbst neu gründen wollten, mit bestehenden Betrieben vermitteln und erfolgreich in die Nachfolge bringen. Unsere technische Beratung unterstützt, wenn es z.B. um technische Voraussetzungen und baurechtliche Nutzungsänderungen geht.
Wifö MH: Welche spezifischen Herausforderungen gibt es im Handwerk im Zusammenhang mit Unternehmensnachfolgen im Vergleich zu anderen Branchen?
Sarah Eichhorn: Im Handwerk haben wir häufig mit kleinen bis mittelständischen Betrieben zu tun, in familiären Strukturen, auf die eine auf die Industrie zugeschnittene Unternehmensbewertung nicht passen würde. In unserem handwerkseigenen Bewertungsverfahren AWH wird daher der starken Inhaberabhängigkeit Rechnung getragen. Der Fachkräftemangel ist bei der Suche nach einem passende/n Nachfolger/in in vielen Handwerksberufen eine besondere Herausforderung, da auch im Handwerk der demografische Wandel spürbar ist, in einigen Gewerken eine Meisterpflicht besteht, einige Handwerke ganz einfach seltener geworden sind, wie z.B. Raumausstatter, Graveure oder Sattler.
Wifö MH: Welche speziellen Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten stehen Handwerksbetrieben zur Verfügung, die eine Nachfolge planen, und wie können diese optimal genutzt werden?
Sarah Eichhorn: Handwerksmeisterinnen und Meister, die noch nicht selbständig waren, und bei der Gründung oder Nachfolge mindestens einen Mitarbeitenden oder Auszubildende/n einstellen oder übernehmen, können über uns die Meistergründungsprämie NRW beantragen, dies sind immerhin 10.500 Euro. Die Beantragung muss jedoch zwingend vor dem Beginn des Vorhabens geschehen. Seit diesem Jahr gibt es zusätzlich die „Meisterprämie“ NRW in Höhe von 2.500 Euro. Zudem können alle Nachfolgerinnen und Nachfolger mit einem geeigneten Übernahmekonzept die Förderprogramme der KfW und der NRW Bank sowie der Bürgschaftsbank NRW beantragen – wir beraten zu den passenden Fördermitteln.
Wifö MH: Können Sie ein Beispiel oder eine Erfolgsgeschichte aus Ihrer Beratungspraxis teilen, bei der die Unterstützung der Handwerkskammer maßgeblich zum erfolgreichen Abschluss einer Unternehmensnachfolge im Handwerk beigetragen hat?
Sarah Eichhorn: Für mich ist es immer ein Erfolg, wenn mich die Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Nachfolge nicht mehr anrufen – denn dann weiß ich, dass sie dank der gründlichen Planung mit uns dynamisch und ohne Liquiditätsprobleme gestartet sind. In Mülheim habe ich beispielsweise eine Friseurmeisterin beraten, die kurz nach der der Corona-Zeit einen Friseursalon übernommen hat, also unter schwierigsten Voraussetzungen. Kurz vor der Übernahme hat die letzte noch verbliebene Mitarbeiterin gekündigt. Trotzdem hat sie es dank ihrer Persönlichkeit, ihrem guten Konzept und unserer soliden, gründlichen Finanzierungsplanung geschafft, hat inzwischen zwei neue Mitarbeiterinnen und ist bis heute erfolgreich. Weitere interessante Gründer- und Übernehmerstorys kann man in unserem Online-Magazin www.mutig-magazin.de nachlesen.
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Unternehmensnachfolge (3): Interview mit Mike Pichottka
Unternehmensnachfolge (2): Interview mit Prof. Dr. David A. Harrison