RRG INDUSTRIETECHNIK: Wie aus Vater und Sohn Geschäftspartner wurden
2. November 2026
v.l.n.r.: Michael Lübke, Hanns-Peter Windfeder (Unternehmerverband Mülheimer Wirtschaft) und Jan Lübke/Bild: Stefan Lamberty
Jan Lübke (34) hat bei thyssenkrupp Steel einen Bereich mit rund 140 Beschäftigten geleitet. Jetzt führt er mit seinem Vater Michael das Mülheimer Familienunternehmen RRG INDUSTRIETECHNIK GMBH. Mit diesem Generationswechsel in der Geschäftsführung steht RRG im Finale des 4. Mülheimer Wirtschaftspreises.
Zweimal dieselbe E-Mail
Manchmal kommt eine E-Mail bei Jan Lübke zweimal an: zuerst im Postfach, dann ausgedruckt auf dem Schreibtisch. Sein Vater Michael (63) legt sie ihm hin, damit die Sache sichtbar bleibt und nicht vergessen wird. Jan würde sich das Papier sparen. Die Gewohnheiten seines Vaters kennt er von zu Hause. Im Unternehmen entdeckt er nun weitere.
Seit dem 1. Juli 2026 gehört der Sohn zur Geschäftsführung der RRG INDUSTRIETECHNIK GMBH an der Brunshofstraße. Die Zusammenarbeit verlangt von beiden einen Rollenwechsel. Jan Lübke lernt seinen Vater als Mitgeschäftsführer kennen, Michael Lübke gibt operative Aufgaben ab. Dabei müssen sie herausfinden, welche Gewohnheiten bleiben können und wo sie sich neu aufeinander einstellen.
Ursprünglich wollte Michael Lübke seinen Sohn erst in drei bis vier Jahren ins Unternehmen holen. Doch als im Geschäftsbereich ANTRIEBSTECHNIK eine technische Führungskraft in den Ruhestand ging, ließ sich die Stelle nicht wie erhofft neu besetzen. Zugleich wollte Michael Lübke die operative Leitung des Geschäftsbereichs SCHWINGUNGTECHNIK abgeben. Ende 2025 entschieden sich die beiden, den Einstieg vorzuziehen. Jan Lübke kam im Juli. Vater Michael kündigte nach den ersten gemeinsamen Monaten an, seine Arbeitszeit und auch seinen Verdienst zu reduzieren.
Ein eigener Weg vor dem Einstieg
Dass sein Sohn einmal in die Führung des Familienunternehmens einsteigen könnte, stand schon länger im Raum. Vater Michael ließ ihn zunächst seinen eigenen Weg gehen. Der Sohn studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Aachen und begann anschließend bei thyssenkrupp Steel. Er arbeitete in Forschung und Entwicklung, wechselte in die Produktion und übernahm Aufgaben im Qualitätsmanagement. Zuletzt führte er einen Bereich mit rund 140 Beschäftigten im kontinuierlichen Schichtbetrieb.
Auch dort hätte er weitere Verantwortung übernehmen können. Für RRG entschied er sich, weil er im Mittelstand mehr Möglichkeiten sah, eigene Ideen umzusetzen. Den Familienbetrieb kannte er bereits: Während des Studiums hatte er dort mitgearbeitet. Für die Beschäftigten war er deshalb kein unbekanntes Gesicht.
Die Aussicht auf einen Einstieg seines Sohnes hatte Michael Lübke schon Jahre zuvor angesprochen. Das sollte den Mitarbeitenden Sicherheit geben. Wer lange in einem Betrieb arbeitet, möchte wissen, wie es weitergeht, wenn der Geschäftsführer seine Tätigkeit reduziert. Heute hat INDUSTRIETECHNIK GMBH rund 40 Beschäftigte. Viele haben die Entwicklung des Unternehmens über einen großen Teil ihres Berufslebens begleitet.
Vom Zahnriemen zum Lärmschutz
Gegründet wurde der Betrieb 1957 in Essen von Ernst Hutzenlaub als Rhein-Ruhr-Gummi GmbH. Zwei Jahre später kam Siegfried Lübke, Jans Großvater, als Vertriebsmitarbeiter hinzu. Er übernahm schrittweise Anteile und baute das Geschäft aus. 1983 zog das Unternehmen nach Mülheim, auf das damals noch unbebaute Gelände nahe dem Flughafen.
Michael Lübke trat 1994 ein und übernahm 1997 die Geschäftsführung. Erst in seiner Generation wurde das Unternehmen vollständig zum Familienunternehmen. Aus dem ursprünglichen Geschäft mit Zahnriemen und Gummiprodukten entwickelten sich vier Bereiche: ANTRIEBS-, SCHWINGUNGS-, FLUID- und ELASTOMERTECHNIK.
Was hinter diesen Begriffen steckt, zeigen die Anwendungen. RRG liefert Bauteile, die Schwingungen in Schienenfahrzeugen dämpfen. Nach Angaben des Unternehmens sind Komponenten von RRG in fast jedem ICE-Zug verbaut. Außerdem baut der Betrieb Lärmschutzkabinen für Maschinen.
Vertrauen und eigene Entscheidungen
Jan Lübke kümmert sich zunächst besonders um ANTRIEBS- und SCHWINGUNGSTECHNIK. Für Kundenanfragen zum Lärmschutz hat er mithilfe künstlicher Intelligenz ein Programm entwickelt, das die mögliche Wirkung einer Einhausung veranschaulicht. Es soll eine erste Orientierung geben, bevor ein Kunde investiert. Eine genaue fachliche Prüfung ersetzt es nicht.
Auch im Umgang miteinander verändert sich etwas. Jan Lübke bietet den Beschäftigten das Du an und sucht regelmäßig das Gespräch in den Hallen. Beim Vater bleiben viele lieber beim vertrauten Sie. Sein Vater hatte erwogen, das ebenfalls zu ändern. Dann stellten sie fest, dass die gewohnte Anrede für viele weiterhin passt.
Bei Kunden und Lieferanten treten Vater und Sohn nun immer gemeinsam auf. Michael Lübke stellt seinen Nachfolger vor und erläutert, wie er seine eigene Tätigkeit schrittweise reduzieren will. Der Sohn lernt die Geschäftspartner kennen, während der Vater den Übergang begleitet. Sohn Jan schätzt diesen gemeinsamen Einstieg und den Gestaltungsspielraum, den sein Vater ihm gibt.
Ebenso wichtig ist für ihn das Wissen der Menschen in den Büros und Werkstätten. Sie kennen die Produkte, die Kunden und die täglichen Abläufe. Dieses Wissen will er erhalten und die Beschäftigten in Veränderungen einbeziehen. „Mitarbeiter sind die Substanz“, sagt Jan Lübke.
Die RRG INDUSTRIETECHNIK GMBH ist eines von fünf Unternehmen im Finale des 4. Mülheimer Wirtschaftspreises. Der Wettbewerb steht unter dem Motto „Erfolgreiche Unternehmensnachfolge – Zukunft sichern, Substanz bewahren“. Die Auszeichnung wird am Freitag, den 13. November 2026, im Rahmen einer Gala im WDL-Luftschiffhangar verliehen.
Von Paul-Richard Gromnitza
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