Pflege Behmenburg: Als die Eltern loslassen mussten

19. Oktober 2026

Barbara Yeboah (Bildmitte), Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Mülheim – Oberhausen, mit Felicitas Libuda und Justus Behmenburg/Bild: Stefan Lamberty


Felicitas Libuda und Justus Behmenburg führen das Unternehmen ihrer Eltern in zweiter Generation. Die Übergabe brauchte Zeit, Vertrauen – und die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Mit ihrer Nachfolgegeschichte stehen die Geschwister im Finale des 4. Mülheimer Wirtschaftspreises.

Felicitas Libuda (39) wollte eigentlich Biologie in Aachen studieren. Dann schlug ihr Vater vor, einmal bei einer Pflegetour mitzufahren. Im Februar 2007 begleitete sie eine Mitarbeiterin des Familienbetriebs – und entschied sich anschließend für eine dreijährige Pflegeausbildung. An ihre erste Patientin erinnert sie sich bis heute. Die Kollegin von damals arbeitet noch immer im Unternehmen.

Ihr jüngerer Bruder Justus Behmenburg (36) dachte zunächst an ein Medizinstudium. Auch er entschied sich für die Pflegeausbildung. Ihn reizte, selbst Verantwortung zu übernehmen, statt im Krankenhaus lange auf eine Führungsposition zu warten. „Ich gestalte gerne Dinge selbst“, sagt er. Heute führen die beiden das Tagesgeschäft von Pflege Behmenburg.

Die Kinder kannten den Betrieb von klein auf

Andrea und Martin Behmenburg gründeten 1992 „Pflege zu Hause“. Beide waren Krankenpflegekräfte und hatten sich im Krankenhaus kennengelernt. Lange hatte das Unternehmen seinen Sitz am Sunderplatz in der Heimaterde. 2013 zog es an die Brunshofstraße am Flughafen, 2017 kam zum 25-jährigen Bestehen eine Tagespflege hinzu. Heute gehören auch hauswirtschaftliche Unterstützung, Pflege- und Sozialberatung sowie Nachbarschaftsarbeit zum Angebot.

Felicitas und Justus wuchsen mit dem Betrieb auf. Zu Hause wurde über Pflege und Arbeit gesprochen. Manche Beschäftigte kannten die beiden noch als kleine Kinder. Als sie später Verantwortung übernahmen, war diese Vertrautheit nicht nur hilfreich: Die Tochter und der Sohn der Chefs mussten zeigen, dass sie selbst führen konnten.

Um 2013 kamen beide in den elterlichen Betrieb, ab 2014 übernahmen sie zunehmend Aufgaben im Büro. 2017 begannen die konkreten Nachfolgegespräche, 2019 erhielten sie erste Firmenanteile. Die Übergabe dauerte Jahre. Anfangs mussten sie vieles mit den Eltern abstimmen und ihre Entscheidungen erklären.

Eigene Entscheidungen – und eigene Fehler

Mit der Corona-Pandemie zog sich die ältere Generation stärker aus dem Tagesgeschäft zurück. Wechselnde Vorgaben mussten geprüft und umgesetzt werden, zugleich musste die Pflege weiterlaufen. Felicitas und Justus entschieden zunehmend selbst. Die Eltern sahen, dass ihre Kinder den Betrieb auch unter diesen Bedingungen führen konnten.

Ohne Reibung ging das nicht. „Jetzt lass uns doch einfach mal machen“, beschreibt Libuda die Bitte der Geschwister an ihre Eltern. Nach Darstellung der beiden äußerten die Eltern ihre Einwände, ließen einmal getroffene Entscheidungen aber stehen. Dafür mussten die Kinder dann auch einstehen – wenn etwas schiefging.

Die Aufgaben teilten die Geschwister ebenfalls neu auf. Libuda kümmert sich unter anderem um Personal, Verwaltung und Pflegedienstleitung, Behmenburg um Ausbildung, Öffentlichkeitsarbeit und neue Projekte. Sie stimmen sich enger ab, erzählen sie, als es früher zwischen den Eltern üblich war.

Gemeinsam, auch wenn es schwierig wird

Nach Angaben der Geschwister beschäftigt die Firma rund 140 Menschen und bildet etwa 20 Nachwuchskräfte aus. Wie schwierig es sein kann, Arbeit und Familie zu vereinbaren, kennen sie aus dem eigenen Alltag. Als mehrere Beschäftigte gleichzeitig ohne Tagesmutter dastanden, entstand eine betriebliche Kinderbetreuung. Sie hilft bei Bedarf auch in den Ferien. Manche Beschäftigte arbeiten ausschließlich früh oder spät; andere beginnen später, weil sie morgens ihre Kinder versorgen müssen.

Ein größeres Vorhaben war zuletzt die Umstellung der Firmensoftware. Tourenplanung, Abrechnung und Verwaltung liefen zuvor in mehreren getrennten Programmen. Die Geschwister wählten die neue Lösung aus und regelten die Finanzierung. Die Verantwortung dafür liegt bei ihnen. „Wenn wir das vergeigen, dann haben wir es wirklich vergeigt“, sagt Libuda.

„Es geht nur zusammen oder gar nicht“, sagt sie über die Zusammenarbeit mit ihrem Bruder. Meinungsverschiedenheiten sprechen die beiden an, nach außen tragen sie die Entscheidungen des anderen mit. Auch privat verbringen sie Zeit miteinander und fahren gemeinsam in den Urlaub. Justus lebt weiterhin im selben Haus wie seine Eltern.

Gefragt, was ihre Unternehmensnachfolge so besonders macht, denkt Justus Behmenburg nur kurz nach: „Weil es allen mit der Übergabe gut geht!“Nicht nur seinen Eltern oder seiner Schwester, sondern dem Team und vor allen den rund 700 betreuten Patienten.

Preisverleihung am 13. November

Pflege Behmenburg ist eines von fünf Unternehmen im Finale des 4. Mülheimer Wirtschaftspreises. Der Wettbewerb steht unter dem Motto „Erfolgreiche Unternehmensnachfolge – Zukunft sichern, Substanz bewahren“. Ob Felicitas Libuda und Justus Behmenburg den Preis gewinnen, erfahren wir am Freitag, 13. November 2026, bei der Gala im WDL-Luftschiffhangar.


Von Paul-Richard Gromnitza