„In unserer Branche haben wir eine Sondersituation!“

17. März 2026

Bild: privat/Hartmut Buhren


Der stationäre Einzelhandel steht unter Druck. Steigende Kosten, zurückhaltende Konsumenten und strukturelle Veränderungen im Einkaufsverhalten setzen viele Händler zunehmend unter Stress. Auch im Ruhrgebiet zeigen Insolvenzen, Filialschließungen und wirtschaftliche Unsicherheit bei einzelnen Unternehmen, wie angespannt die Lage derzeit ist. Wir haben mit dem Mülheimer Unternehmer Hartmut Buhren über die Ursachen des kriselnden Handels gesprochen.

 

Paul-Richard Gromnitza: „Herr Buhren, aktuelle Konjunkturdaten zeigen eine deutlich eingetrübte Stimmung im Einzelhandel. Viele Händler berichten von Kaufzurückhaltung und steigenden Kosten. Wie erleben Sie diese Entwicklung?

Harmut Buhren: „Wir merken deutlich, dass gerade in der sogenannten „Nice-to-have“-Branche die Nachfrage zurückgeht. Also bei Artikeln, die man nicht unbedingt braucht.“

 

Paul-Richard Gromnitza: „Das überrascht vielleicht etwas. Baumärkte gelten ja eigentlich als stabil, weil viele Menschen gerne selbst werkeln. Wo liegt aktuell das Problem?“

Harmut Buhren: „In unserer Branche haben wir eine Sondersituation. Unter der ehemaligen Bundesregierung Scholz wurde das Ziel ausgegeben, jährlich rund 400.000 Wohnungen zu bauen, weil der Wohnraummangel groß ist. Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr aber nur etwas über 200.000 Wohnungen gebaut. Das hat direkte Auswirkungen auf Baumärkte und auch auf den Möbelhandel. Wenn weniger gebaut wird, gibt es weniger Umzüge. Viele junge Familien bleiben in ihren Mietwohnungen, weil sie keine passende Immobilie finden oder sich Eigentum nicht leisten können. Der Einfamilienhausbau ist stark eingebrochen. Hinzu kommen hohe Zinsen und steigende Anforderungen beim Bauen – etwa beim Wärmeschutz, Brandschutz oder barrierefreien Ausbau. Das macht Neubauten so teuer, dass viele Projekte gar nicht mehr umgesetzt werden. Und wenn niemand umzieht, wird auch weniger renoviert. Dann wird der Eimer Farbe nicht gekauft, der Kauf der neuen Küche wird verschoben und Möbel werden länger genutzt. Das dämpft die Nachfrage im Baumarkt deutlich. Gleichzeitig sehen wir aber auch im Handel starke Veränderungen. Viele klassische Einzelhändler müssen inzwischen über ihr klassisches Sortiment hinausdenken, weil die Umsätze insgesamt zurückgehen. Man schaut links und rechts, welche Produkte zusätzlich noch funktionieren könnten. So muss man sich nicht wundern, wenn im Supermarkt plötzlich Wandfarbe oder Bohrmaschinen im Angebot sind.“

 

Paul-Richard Gromnitza: „Auch in Mülheim zeigen mehrere Beispiele, wie schwierig die Situation derzeit ist – Insolvenzen oder zumindest große Unsicherheit bei Handelsketten wie Piper, KiK, Galeria oder ihren zwei Baumärkten. Welche Faktoren treffen den stationären Handel aktuell am härtesten?“

Hartmut Buhren: „Besonders betroffen ist der stationäre Non-Food-Handel. Verbraucher geben derzeit deutlich mehr Geld für Lebensmittel, Miete, Energie, Heizen und Mobilität aus. Da das Budget begrenzt ist, wird an anderer Stelle gespart. Genau das trifft den Handel – auch den Baumarkt. Ein weiterer Punkt ist die geringe Zahl an Umzügen. Wenn weniger Menschen umziehen oder bauen, sinkt automatisch die Nachfrage nach vielen Produkten im Non-Food-Bereich.“

 

Paul-Richard Gromnitza: „Das alles hat natürlich auch unmittelbare Folgen für unsere Innenstadt und die Stadtteilzentren. Wo sehen Sie die größten Risiken für die kommenden Jahre, Herr Buhren?“

Hartmut Buhren: „Jammern hilft uns nicht weiter! Ich glaube, wir müssen grundsätzlich wieder realistischer werden. Wir können nicht davon ausgehen, dass alle Wünsche erfüllt werden, ohne dass wir dafür arbeiten. Der Staat kann nicht alles richten. Wenn wir den wirtschaftlichen Turnaround schaffen wollen, müssen wir wieder stärker selbst Verantwortung übernehmen und auch wieder stärker fleißiger für unseren Wohlstand arbeiten.“

 

Paul-Richard Gromnitza: „Viele Städte diskutieren inzwischen neue Konzepte für lebendige Zentren – etwa mehr Gastronomie, Dienstleistungen oder neue Nutzungen für ehemalige Ladenflächen. Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit Innenstädte wieder attraktiver werden?“

Hartmut Buhren: „Die Attraktivität der Mülheimer Innenstadt liegt ein Stück weit im Auge des Betrachters. Für manche – vielleicht auch für uns Ältere – wirkt sie weniger attraktiv, während andere Zielgruppen das Angebot durchaus nutzen. In der Innenstadt wurde in den letzten Jahren viel günstiger Wohnraum vermietet. Heute leben hier viele Menschen mit geringerem Einkommen und mit diversem kulturellem Background. Der Handel reagiert darauf: Viele Geschäfte – etwa günstige Backshops, Barbershops oder internationale Lebensmittelmärkte – richten sich genau an diese Kundschaft. Dass sie sich halten, zeigt, dass sie für viele Menschen vor Ort funktionieren. Wenn man die Angebotsstruktur verändern möchte, wird das meiner Meinung nach vor allem über das Wohnen gehen. Mehr hochwertiger Wohnraum in der Innenstadt könnte langfristig auch eine andere Kundschaft anziehen – und damit das Angebot im Handel verändern. Die Lage dafür wäre grundsätzlich attraktiv, etwa rund um die Ruhrpromenade.“

 

Paul-Richard Gromnitza: „Zum Schluss noch eine persönliche Frage zur Situation Ihres Unternehmens. Wie geht es weiter?“

Hartmut Buhren: Der Insolvenzverwalter betreibt das Unternehmen derzeit weiter und sucht nach einem Investor. Das wird noch etwas dauern, ist aber auf einem guten Weg. Unser Baustoffgroßhandel soll auf jeden Fall erhalten bleiben. Das ist zwar herausfordernd, aber wir tun alles dafür, dass es weitergeht. Im Einzelhandel ist die Lage derzeit deutlich schwieriger.

Paul-Richard Gromnitza: Herr Buhren, vielen Dank für das Gespräch!


Zur Person
Hartmut Buhren ist geschäftsführender Gesellschafter des Baustoffzentrums Wilhelm Harbecke GmbH sowie Geschäftsführer der hagebaumarkt Mülheim an der Ruhr GmbH. Der Mülheimer Unternehmer gilt als erfahrener Baustoff- und Fachhändler. Neben seiner unternehmerischen Tätigkeit engagiert er sich stark ehrenamtlich: Buhren ist Vorsitzender des Handelsverbandes Ruhr sowie Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer.