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Wirtschaftsstandort Mülheim an der Ruhr

Was ist Ihr Plan B für Mülheim, Herr Gerstel?

M&B hat Befürworter des Wirtschaftsflächenkonzepts, aber auch Kritiker befragt, wie sie die Aussichten von Mülheim als Wirtschaftsstandort bewerten oder welche Alternativen sie vorschlagen.

M&B: Herr Gerstel, was macht Mülheim für Sie aus?
Holger Gerstel: Mülheim an der Ruhr hat das Potenzial eines attraktiven Lebensraums, das aber lässt sich zurzeit leider nicht in dem Maße erschließen, wie es erforderlich wäre. Hierfür fehlt allerdings ein wichtiger, die Wirtschaft betreffender Impuls. Den zu erhalten, braucht es nicht wirklich viel: Wir müssen zusehen, dass wir mehr Unternehmen nach Mülheim ziehen. Das gelingt jedoch nur, wenn wir neue Gewerbe- und Industrieflächen ausweisen, was wir bislang nicht in dem Maße getan haben, wie es erforderlich wäre, um den Menschen im Ort, vor allem den jungen Leuten, mittel- und langfristig interessante berufliche Perspektiven aufzeigen sowie den Zuzug von Fachkräften in die Region zu beflügeln, die Hände ringend von Industrie und Handwerk, insbesondere von kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs) gesucht werden. 

M&B: Während der Sondersitzung des Wirtschaftsausschuss Mitte Januar begründete das Ratsmitglied Brigitte Erd (Grüne/Bündnis ´90) ihre Ablehnung des Wirtschaftsflächenkonzepts in einer vehementen Stellungnahme. Das Gutachten demontiere die Stadt: „Mülheim ist scheiße. Überall letzter Platz.“ Aber ist da nicht etwas dran? 
Holger Gerstel: Betrachtet man den IST-Zustand, mag dieser Eindruck entstehen. Die gegenüber anderen Städten und Regionen beklagenswerte Wirtschaftsentwicklung in Mülheim ließe sich ins Gegenteil verkehren, würde es uns gelingen, mehr mittelständische Unternehmen im Stadtgebiet anzusiedeln. Das würde sich positiv auf die Einnahme der Stadt auswirken und die Zahl sozialversicherungspflichtiger Beschäftigter erhöhen, was sich im Umkehrschluss positiv auf die Mindersicherungsleistungen auswirken würde. Dafür aber müssen wir attraktive Industrie- und Gewerbeflächen ausweisen. Würden wir nur einen Bruchteil der vorhandenen Grünflächen, wovon Mülheim beileibe mit rund 70 Prozent der Gesamtfläche mehr als genug hat, für die Ansiedlung zukunftsorientierter Unternehmungen erschließen und freigeben, wäre eine Lösung des Problems sicherlich absehbar greifbar. 

M&B: Das stimmt Sie trotz einer relativ kritischen (Haushalts-)Lage Mülheims optimistisch?
Holger Gerstel: Wir haben in den Gremien ein gute Gesprächsebene gefunden und eine Basis geschaffen, auf der es allen Beteiligten gelingen kann, sich auf einen tragfähigen Kompromiss zu einigen. 

M&B: Die Stadtverwaltung und Mülheim & Business haben von der Politik den Prüfungsauftrag erhalten, in Frage kommende Gewerbeflächen zu untersuchen. Welches Ergebnis erwarten Sie?
Holger Gerstel: Das sich geeignete Flächenareale ausfindig machen lassen, die keine nennenswerte funktionale Rolle für die Stadt spielen, für Unternehmen jedoch attraktiv sind, sich anzusiedeln, zum Beispiel aus logistischer Sicht oder in puncto Verkehrsanbindung. 

M&B: Beim letzten Katerfrühstück sagte der Vorstandsvorsitzende des Unternehmerverbands, Hanns-Peter Windfeder, dass 2020 das Jahr der Weichenstellung für Mülheim werden könne und postulierte: Stellen Sie die Weichen auf Zukunft! Welche Weichen sind gemeint und teilen Sie diese Auffassung?“
Holger Gerstel: Diese Frage sollten Sie Herrn Windfeder selbst stellen. Er wird sie Ihnen sicherlich besser beantworten können als ich. Was ich Ihnen allerdings sagen kann: Wir brauchen Veränderung in Mülheim an der Ruhr. Wir brauchen eine prosperierende Wirtschaft, alles Weitere schließt sich an: Mehr Wohlstand durch höhere Steuereinnahmen, der Zuzug erforderlicher Fachkräfte, mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, geringere Ausgaben für soziale Mindersicherungsleistungen und vieles mehr. 

M&B: Was ist Ihr Plan (B.) für Mülheim; Herr Gerstel?
Holger Gerstel: Mein Plan B ist das Beste für unsere Heimatstadt. Das bedeutet, Nägel mit Köpfen zu machen und einen für alle Seiten akzeptablen Kompromiss zu finden. Alle müssen sich aufeinander zubewegen. 

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen. Wie sähe sie aus, wenn ihr Bild von Mülheim in 2035 wahr werden würde?
Mülheim an der Ruhr ist eine für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen interessante und reizvolle Stadt. Die Ansiedlung von Industrie und Gewerbe hat viele neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze am Ort geschaffen. Die finanzielle Belastung durch Mindersicherungsleistung geht gegen Null, die Unternehmen prosperieren, nicht zuletzt, weil sie von Steuersenkungen profitieren. Gleichzeitig hat sich der Aufwand an Bürokratie und Verwaltung auf ein Minimum verringert, so dass sich alle auf das Wesentlich konzentrieren können. Neuer bezahlbarer Wohnraum ist entstanden, die Bevölkerungszahl hat sich erhöht. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Mülheim an der Ruhr besticht. Und auch das Landschaftsbild, in das die Stadt eingebettet ist, ist von besonderer Attraktivität und Qualität, und das, obgleich einige Areale für die Ansiedlung neuer Unternehmen ausgewiesen wurden. Das ist keine Vision, alles lässt sich realisieren. Wir brauchen nur das Richtige zutun.


Holger Gerstel ist geschäftsführender Gesellschafter der Gerstel GmbH & Co. KG in Mülheim an der Ruhr