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Wirtschaftsstandort Mülheim an der Ruhr

Mülheim muss sich entscheiden

Während des Jahrespressegesprächs zog M&B-Geschäftsführer Schnitzmeier eine gemischte Bilanz.

Mülheim an der Ruhr, 17. Januar 2019. Digitalisierung, Innovationen und Fachkräftegewinnung waren im Geschäftsjahr 2018 die herausragenden Zukunftsthemen der meisten Mülheimer Bestandsunternehmen und bildeten auch die Schwerpunkte der Arbeit der Wirtschaftsförderung. Gemeinsam mit der Transferstelle der Hochschule und der Landesinnovationsagentur Zenit wurden zahlreiche Innovationsgespräche mit Mülheimer Bestandsunternehmen geführt, die auch in 2019 fortgesetzt werden sollen. Das sich abzeichnende Fazit kommt nach Aussagen des Geschäftsführers der Mülheim & Business GmbH zu klaren und zwingenden Konsequenzen: „Die Mülheimer Unternehmen müssen sich dringend durch Innovationen und die Chancen der Digitalisierung weiter entwickeln um im zunehmenden Wettbewerb bestehen zu können und zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur und des Wohlstandes der Stadt sind dringend weitere Ansiedlungen von wissensbasierten, Gewerbesteuer zahlenden Unternehmen notwendig“, erklärte Jürgen Schnitzmeier im Jahrespressegespräch der Wirtschaftsförderung im Einvernehmen mit dem Oberbürgermeister, Ulrich Scholten, und dem Vorsitzenden des Unternehmerverbandes, Hanns-Peter Windfeder.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Standortschließung von Tengelmann formulierten Scholten, Windfeder und Schnitzmeier übereinstimmend die Prioritäten für die Arbeit der nächsten Monate: Erstens: Die vom Rat beschlossene Prüfung von Gewerbeflächenpotenzialen zur Ansiedlung neuer Unternehmen muss schnellstmöglich abgeschlossen und mit konkreten Maßnahmen zur Ausweisung und Erschließung verbunden werden. Zweitens: Der Bau eines Innovationszentrums an der Hochschule Ruhr West mit den avisierten Fördermitteln des Landes NRW ist in 2019 voranzutreiben und drittens muss das Verwaltungshandeln für Themenfelder der Zukunftsentwicklung der Stadt fokussiert aufeinander ausgerichtet mit klarer Zielsetzung verfolgt werden. Dazu gehören sämtliche Bau- und Genehmigungsprozesse als auch die integrierte Entwicklung der Innenstadt sowie die Gründung einer Stadtentwicklungsgesellschaft.

Mülheim braucht 170 Mio. Euro Gewerbesteuer, um „auf gesunden Beinen zu stehen“
„Mülheim hat in den letzten Jahren auch gegenüber den Nachbarstädten in zahlreichen Rankings sowie ökonomischen und finanziellen Kennziffern deutlich an Boden verloren“, analysierte der UMW-Vorsitzende Hanns-Peter Windfeder: „Das können wir uns nicht leisten. Wir stehen an einer Wegscheide: Entweder wir fokussieren die Stadtentwicklung um uns wirtschaftlich und finanziell besser aufzustellen oder wir werden weiter an Boden verlieren.“ Auch Oberbürgermeister Ulrich Scholten mahnte zu notwendigen Entscheidungen: „Anfang 2019 verzeichnen wir mit 59.158 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bereits rund 440 Arbeitsplätze weniger in unserer Stadt als im Vorjahr und das obwohl die Arbeitslosenquote von 8,0 Prozent im Januar auf 6,9 Prozent im Dezember gefallen ist. Erklären kann man dies zwar auch dadurch, dass die Mitarbeiter der MVG nunmehr als Ruhrbahn in Essen geführt werden, aber der Wegzug der Brenntag GmbH aus dem Hochhaus am Rhein-Ruhr-Zentrum an die Messe in Essen sowie unsere desolate Gewerbeflächensituation lassen für die Zukunft keine besseren Entwicklungen erwarten, wenn wir jetzt nicht handeln.“

„Um langfristig auf finanziell gesunden Füßen zu stehen braucht eine Stadt rd. 1.000 Euro pro Einwohner“, formulierte Wirtschaftsförderer Schnitzmeier als Zielvorgabe für eine nachhaltig funktionierende Stadt, die ihren sozialen, kulturellen und Infrastrukturellen Aufgaben vernünftig nachkommen will: „Diesen Wert erreicht keine Stadt im Ruhrgebiet, aber in Mülheim waren wir schon mal nahe an den 170 Mio. Euro dran.“

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen sind 2018 auch Erfolge zu verzeichnen
Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen verweisen eine Reihe von Kennziffern und realisierten Projekte in der Jahresbilanz 2018 immer noch auch von guten Entwicklungen am Wirtschafts- und Investitionsstandort Mülheim an der Ruhr: Mit der Verlagerung des Servicesparte von Siemens im Rhein-Ruhr-Hafen, der Eröffnung der Zentralküche für die Krankenhäuser und Altenheime der Contilia-Unternehmensgruppe im GENEBA-Industriepark, der Eröffnung des neuen Verwaltungsgebäudes der Privatärztlichen Versorgungsstelle PVS im Gewerbegebiet Solinger Straße sowie weiteren Ansiedlungen im Hafen und in der Innenstadt konnten in 2018 neue Arbeitsplätze an den Standort geholt und gehalten werden. Auch die insgesamt 5.700 Bestandsunternehmen konnten im vergangenen Geschäftsjahr überwiegend gute Umsätze und Geschäfte machen. Über 300 Mal war Mülheim & Business in den letzten zwölf Monaten für die Bestandsunternehmen vor Ort aktiv, bearbeitete über 100 Gewerbeimmobilienanfragen und begleitete 225 Gründungsinteressierte intensiv auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit.

Dennoch ist die Risikoaffinität im letzten Jahr deutlich gestiegen: „Die 80 Industrie- und Produktionsbetrieben mit rund 18.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen sind vor dem Hintergrund der Folgen von Energiewende, Digitalisierung und Internationalisierung unserer größte Stärke und unser größtes Risiko“, erläuterte Schnitzmeier mit Verweis auf die aktuell schwierige Auftragslage und Neuausrichtungs-Notwendigkeit von Siemens und anderen Industriebetrieben in der Stadt. „Allein durch die Digitalisierung sind laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarktforschung zwischen 11.000 und 13.000 Arbeitsplätze in Mülheim tendenziellgefährdet, wenn sich die Unternehmen nicht neu ausrichten und „neu erfinden“.  Dazu sind die Unternehmen auf die Unterstützung von Impulsen aus der Hochschule und Forschungseinrichtungen angewiesen und ein Innovationszentrum in Mülheim könnte diesen Wissens- und Innovationstransfer nachhaltig verstetigen. Der Wirtschaftsminister des Landes NRW hat die Problematik aber auch die Chance der Neuausrichtung der Industrie und Energiewirtschaft in Mülheim und im Ruhrgebiet erkannt und „im Hintergrund“ bereits an einer Stärkungsinitiative gearbeitet, die er nach Anfang des Jahres vorstellen wird.

Stärkungsinitiative Industrie #muelheiminnovativ
Auch in Mülheim haben alle Beteiligten die Herausforderungen und Chancen der Industrie erkannt und im Rahmen der „Stärkungsinitiative Industrie“ in 33 Projekten in 2018 an Verbesserungen gearbeitet. Jedes dritte Projekt wurde dabei von der Wirtschaftsförderung koordiniert, so auch der Imagefilm #muelheiminnovativ. „Der Film vermittelt authentisch ein Bild von einem innovativen, zukunftsorientierten, wissensbasierten Industriestandort Mülheim an der Ruhr“, sind sich Oberbürgermeister, UMW-Vorsitzender und M&B-Geschäftsführer einig. „Die Botschaft lautet: Die Mülheimer Unternehmen und die Verwaltung haben die Chancen der Digitalisierung erkannt und sind auf dem Weg zu einem digitalen Wirtschaftsstandort“. „Zu den Projekten mit Entscheidungsbedarf gehört nunmehr jedoch konkret die Umsetzung des von der Wirtschaftsförderung erarbeiteten Konzept für den Bau eines Innovationszentrums an der Hochschule Ruhr West“, so Hanns-Peter Windfeder.

5.700 Unternehmen am Wirtschaftsstandort Mülheim an der Ruhr

Auch in 2018 haben sich viele der über 5.700 am Standort Mülheim ansässigen Produktions- und Dienstleistungsunternehmen dynamisch entwickelt. Zu den Highlights des Jahres 2018 im Bereich Bestandsentwicklung zählt die Wirtschaftsförderung

  •  Eröffnung einer Industriehalle für Siemens Service-Sparte zur Standortverlagerung mit 350 Mitarbeitern von Essen in den Rhein-Ruhr-Hafen
  •  Ansiedlung des koreanischen Gabelstaplerherstellers Doosan im Rhein-Ruhr-Hafen
  •  Ansiedlung der NRW-Zentrale der HeidelbergCement AG an der Solinger Straße
  •  Ansiedlung der IT-Zentrale Roland Schuhe (UG Deichmann) im Geneba-Industriepark

Die Elomech Gruppe, die Gastgeberin des diesjährigen Jahresbilanzgesprächs der Mülheimer Wirtschaftsförderung, setzte 2018 nicht nur in Mülheim, sondern bundesweit Maßstäbe. Im Herbst wurde es als „Bestes Unternehmen für Familien“ und als „Bester Ausbilder Deutschlands“ ausgezeichnet. Christoph Bleckmann, der Geschäftsführender Gesellschafter der Elomech Elektroanlagen GmbH, erhielt nach dem Jahrespressegespräch von Oberbürgermeister Ulrich Scholten ein Zertifikat als familienfreundliches Unternehmen.

Impulse für die Innenstadt: Einzelhandelslabor und Stadtentwicklungsgesellschaft
Neben dem Thema Innovationsförderung, Gewerbeflächenmobilisierung und Ansiedlung von Unternehmen planen Stadt und Wirtschaftsförderung 2019 auch spürbare Impulse für die Entwicklung der Mülheimer Innenstadt: Mit dem neuen StadtQuartier Schloßstraße, einem Joint Venture der Fortress Immobilien AG aus Düsseldorf, der GRS Beteiligungen GmbH aus Düsseldorf, dem Münchner Investmentspezialisten Competo Captial Partners GmbH und der Mülheimer Wohnungsbau eG, eröffnet bis Mitte 2019 ein sowohl städtebaulich als auch architektonisch äußerst attraktives Stadt-Quartier, das das ehemalige Kaufhof-Areal in der Fußgängerzone wiederbelebt. Mit Ruhrbania und dem Stadtquartier Schloßstraße erhält die Innenstadt eine neue Mitte am Fluss, die die Kraft hat, das ohnehin schon gute Image als exzellente Wohnstadt im Ruhrgebiet weiter zu steigern. „Auch, wenn der Umbau der Innenstadt sicherlich ein Generationenprojekt bleiben wird, so ist ein wichtiges Etappenziel geschafft und Mülheim City kann 2019 neu starten“, so Jürgen Schnitzmeier. „Mit der Eröffnung des Stadtquartiers Schloßstrasse kann unsere Innenstadt jetzt neu starten.“ Auch 2019 soll die proaktive Vermarktung der Innenstadt, u.a. mit dem neuen Einzelhandelslabor Pop Up Shop in der ehemaligen Wertstadt und dem CoWorking in der Friedrich-Ebert-Straße fortgesetzt werden und neue Impulse erhalten. „Pop-up-Stores, Ladenflächen zum Ausprobieren und CoWorking ermöglichen Einzelhändlern und Gründern aus Handel, Gastronomie und Dienstleistungen die Möglichkeit, mit individuellen Angeboten auf niedrigem Kostenniveau zu starten und sich bei Erfolg langfristig in der Innenstadt zu etablieren“, erläutert Jürgen Schnitzmeier die Projektidee.

Oberbürgermeister Ulrich Scholten kündigte außerdem an, dass 2019 auch eine Stadtentwicklungsgesellschaft, die nicht nur in der City, sondern auch in den Stadtteilen Potenziale aufspüren und mit Partnern entwickeln soll, an den Start gehen wird. „Wir werden dazu seitens der Verwaltung für die von der Politik in breitem Konsens beschlossene Forderung nach einem solchen zusätzlichen Instrument zur Stadtentwicklung einen Vorschlag unterbreiten, so dass die Gesellschaft idealerweise noch im zweiten Halbjahr 2019 aktiv werden kann“, so Scholten.