Reihe „Mittelstand funktioniert“: Stadtbäckerei H.HEMMERLE GmbH

Mit Peter Hemmerle setzen wir unserer neue Reihe fort, in der wir kleine und große Mülheimer Mittelständler fragten, warum sie gut durch die Corona-Zeit gekommen sind.

Im August besuchte Mülheim & Business ein Duzend mittelständischer Unternehmen aus verschiedenen Branchen, um im direkten Gespräch zu erfahren, warum der Mittelstand sich in der gegenwärtigen Corona-Zeit so gut behauptet. Aus den Gesprächen entstand die neunteiligen Reihe „Mittelstand funktioniert“, die wöchentlich bis Ende Oktober hier erscheinen  wird. Im dritten Teil sprechen wir mit Peter Hemmerle.

M&B: Herr Hemmerle, wie definieren Sie für sich den Begriff Mittelstand?

Peter Hemmerle: Die Definition Mittelstand ist sicher von Branche zu Branche unterschiedlich. Wir sehen uns als mittelständisches Handwerksunternehmen. Wir beschäftigen ca. 170 Mitarbeiter und sind mit unseren 12 Filialen bisher nur hier in Mülheim tätig. Über 90 % unserer Mitarbeiter kommen aus Mülheim und Umgebung. Wir kaufen, wo immer möglich, Rohstoffe aus der Region. Wir sind mit unseren Lieferanten, Handwerksunternehmen und anderen Geschäftspartnern über viele Jahre verbunden. Unser Betrieb wird sehr familiärer geführt. Wir pflegen eine demokratische Unternehmensführung, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Im Weiteren ist auch soziales Engagement für unsere Stadt und Mülheimer Bürger eine Herzensangelegenheit von uns persönlich. 

M&B: Was haben Sie für sich bis jetzt aus Corona gelernt, wenn man das so sagen kann?

Peter Hemmerle: Die Krise der letzten Monate, ausgelöst durch das Corona-Virus, hat von uns allen viel abverlangt. Für unser Unternehmen und auch aus persönlicher Sicht gab es viele Veränderungen. Wir mussten uns immer wieder neu anpassen und es war und ist ein stetiger Lernprozess. Wir konnten noch mehr feststellen, dass wir ein hervorragendes Team im Unternehmen haben. Unsere Mitarbeiter standen voll und ganz hinter dem Betrieb. Die Verluste wurden auf viele Schultern verteilt und konnten so gemeistert werden. Kurzarbeit hatten wir nur für unseren Verkauf für die Zeit von April bis September. Backstube, Konditorei, Versand und der kaufmännische Bereich waren nicht betroffen. Im Verkauf musste die Kurzarbeit, allein schon durch die Schließung der Cafés, beantraget werden. Dies fiel aber sehr moderat aus. Soziales Fingerspitzengefühl war an dieser Stelle notwendig. Kein Mitarbeiter ist mit mehr als 20 % seiner Stunden in Kurzarbeit gegangen und wir haben jeden Monat immer wieder andere Mitarbeiter aus dem Verkauf ausgewählt. 

Persönlich habe ich aus der Krise auch das ein oder andere mitgenommen. Man merkt, dass plötzlich viele Dinge einfacher funktionieren und man nicht auf allen Hochzeiten tanzen muss. Corona bringt nur jetzt so langsam, nachdem es sich so lange hinzieht, eine Müdigkeit mit sich. Viele Dinge machen einfach keinen Spaß und dieses Corona-Wort kann man mittlerweile nicht mehr hören.

M&B: Was war denn besonders hart im letzten halben Jahr für Sie, persönlich aber auch als Unternehmer?

Peter Hemmerle: Besonders hart war es, zu sehen, dass viele im Mittelstand unter anderem Gastronomen, Messebauer, Touristik, …  es wohl trotz der Corona-Hilfen leider nicht schaffen werden,  die Krise zu überstehen, - das hat mich zunehmend belastet. Wir haben teilweise Aufträge an Gastronomen weitergegeben. Auch hier ist uns, neben wirtschaftlichen Erfolg, auch das Gespür für ein faires Miteinander wichtig und nicht Konkurrenzkampf um jeden Preis. 

M&B: Jetzt haben Sie vorhin noch das Mittel der Kurzarbeit erwähnt im Verkauf, sicherlich haben Sie sich auch mal mit Konjunkturpaketen und Soforthilfen auseinandergesetzt, was hätte man da besser machen können?

Peter Hemmerle: Das ist immer schwer zu sagen, ich möchte in der jetzigen Situation kein Politiker sein und Entscheidungen treffen müssen, auch in diesem Zusammenhang kann man nur ein Lob aussprechen, der Polizei, der Feuerwehr, den Ordnungsämtern usw. Es ist immer leicht das Ordnungsamt zu beschimpfen, nur weil ich ein Knöllchen kriege wegen Falschparkens, aber wenn ich in der jetzigen Zeit sehe, wie diejenigen, die dafür verantwortlich sind, die Corona Maßnahmen, durchzusetzen, dann muss ich nur sagen, jeden Tag mehrmals Hut ab! Es ging ja auch um die Konjunkturpakete und die Staatlichen Hilfen. Das kann ich insofern nicht so gut beurteilen, weil ich davon nichts in Anspruch genommen habe. Uns als mittelständisches Unternehmen in dritter Generation ist immer wichtig, dass der Betrieb funktionieren muss. Und deshalb haben wir uns natürlich ein Polster zugelegt, sodass wir für eine gewisse Zeit das Unternehmen so weiter führen können, wie wir es jetzt tun, wir können dafür sorgen, dass alle Arbeitsplätze sicher sind, wir haben selbst in der Coronakrise im Monat Juni Urlaubsgelder wie im Vorjahr gezahlt, also da gab es keine Einschränkungen. Wir haben als einziges Paket das Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen. Es gab natürlich noch Darlehen, die man hätte in Anspruch nehmen können, von der Berufsgenossenschaft hätten wir die Möglichkeit gehabt, Beiträge zu stunden. In dem Zusammenhang habe ich zu Anfang der Krise meine Vermieter alle angeschrieben und gebeten, ob sie mir wenigstens ein zwei Monate zumindest ein Drittel der Miete erlassen, ein Teil der Vermieter sind uns entgegengekommen. Leider sind es die großen Vermietungsgesellschaften an denen sind solche Wünsche total abprallen,  weshalb ich mich von denen etwas im Stich gelassen fühle. Aber auch da, ich habe keine Stundungen angenommen, denn das Stunden bringt mir nichts, irgendwann muss ich es ja eh zahlen, also lassen wir das mal mit dem Stunden direkt sein. Zusätzlich haben wir geschaut, dass wir unsere Kosten wo es geht runterfahren. Was mir immer wichtig war, dass das Personal abgesichert ist, weil es ist in der Verantwortung eines jeden Unternehmers liegt. Ich habe eine soziale Verantwortung, man kann also sagen: Uns als Familie Hemmerle geht es immer nur dann gut, wenn es dem Personal auch gut geht.

M&B: Würden Sie sagen mit dem was passiert ist und mit dem was in den nächsten 10 – 12 Monate noch passieren könnte, könnten Sie sagen Mittelstand funktioniert wirklich?

Peter Hemmerle: Also es wird sportlich, wenn es wirklich so käme.  So wie es jetzt läuft, läuft das Unternehmen noch gerade kostendeckend, aber es wird sehr schwer möglich sein, das so aufrecht zu erhalten. Es wird dann Einschränkungen geben müssen, wo auch immer. Es kann sein, dass die Öffnungszeiten geändert werden müssen, um Kosten zu sparen. Man wird vielleicht sogar Einschränkungen im Sortiment vornehmen müssen, um die Produktion zu entlasten, und Produkte, die vom Arbeitsaufwand und vom Materialbedarf hochwertiger sind, werden dann zurückgefahren. Es wird da glaube ich ganz verschiedene Konstellationen geben. Die Kurzarbeit wird, wenn wir wirklich darüber sprechen, dass es wirklich noch ein Jahr anhalten könnte, müssten wir wieder in Anspruch nehmen. 

M&B: Sie haben ja gesagt, dass Sie sehr in dieser Region verwurzelt sind und dann auch Handwerker benutzen, die auch aus Mülheim und der näheren Umgebung kommen. Was würden Sie sagen so aus ihrer Sicht, steht Mülheim besser da als andere Ruhrgebietsstädte?

Peter Hemmerle: Schlechter! Aber aus meiner Sicht, als Unternehmer und auch als Bürger habe ich das Gefühl, dass die Stadt Mülheim aktuell führungslos ist. Ich kann nicht beurteilen, wo wir hier in der Stadt ansetzten müssen, um wieder in eine positive Richtung zu steuern. Ich bin Unternehmer und kein Politiker. Ich bin in Mülheim geboren und aufgewachsen, ich habe mich vor einigen Jahren schonmal gefragt, was ist passiert? Mülheim war vor 30 Jahren eine reiche Stadt und heute rangieren wir auf den letzten Plätzen. Wir als Familie Hemmerle leben von dieser Stadt und ich glaube auch nach wie vor an diese Stadt, aber leider wenden sich immer mehr Unternehmen von Mülheim ab! 

M&B: Vielen Dank für das Gespräch, Peter Hemmerle!