Reihe "Mittelstand funktioniert": iSAM AG

Im sechsten Teil sprechen wir mit Bernd Jotzo, Vorstand Finanzen und Personal bei der iSAM AG. 

Im August besuchte Mülheim & Business ein Duzend mittelständischer Unternehmen aus verschiedenen Branchen, um im direkten Gespräch zu erfahren, warum der Mittelstand sich in der gegenwärtigen Corona-Zeit so gut behauptet. Aus den Gesprächen entstand die neunteiligen Reihe „Mittelstand funktioniert“, die wöchentlich bis Ende Oktober hier erscheinen  wird. Im sechsten Teil sprechen wir mit Bernd Jotzo, Vorstand Finanzen und Personal bei der iSAM AG. 

M&B: Herr Jotzo, wie definieren Sie für sich den Begriff Mittelstand?
Bernd Jotzo: Weil ich ja hier für die Finanzen zuständig bin, kenne ich eigentlich nur die offizielle Definition, die sich an Umsatz, Bilanzsumme und Mitarbeitern ausrichtet. Für uns ist das eigentlich kein wichtiger Begriff, weil wir international tätig sind. Ich habe heute Morgen hier noch einen Bewerber sitzen gehabt, der nicht übernommen worden ist nach seiner Ausbildung und froh war, sich jetzt in einem großen Unternehmen bewerben zu dürfen. Da haben wir mal vorsichtig gefragt, wie viele Mitarbeiter denn der Ausbildungsbetrieb hatte, die Antwort war 50. Da sagte ich, jetzt kommt die große Enttäuschung, wir sind weniger. Das ist immer eine Frage der Wahrnehmung und auch der Position am Markt. Für mich ist Mittelstand kein wichtiger Begriff. Ich glaube, was uns auszeichnet, ist, dass wir inhabergeführt sind. Das kann natürlich auch ein Riesen-Laden sein, der dann Strukturen braucht. Ich sage mal, eine Firma Deichmann in Essen, die ist auch noch inhabergeführt und ungleich größer, aber die würde ich trotzdem als Mittelstand bezeichnen. Ich weiß aber nicht, ob Herr Deichmann böse ist, wenn er das hört.

M&B: Das heißt, iSAM macht zum mittelständischen Unternehmen, dass es inhabergeführt ist?

Bernd Jotzo: Ja, und natürlich auch die Größen-Parameter, d. h. wir haben weniger als 50 Mitarbeiter, das macht uns sogar zum K in den KMU. Wir haben einen Umsatz, der schwankt zwischen 7-14 Mio. EUR; wir haben eine Bilanzsumme, die ist bei 20 Mio. Das sind die formalen Parameter, die das definieren. 

M&B: Jetzt kommt das böse Wort Corona. Was konnten Sie bisher als Unternehmen aus Corona – falls man da was lernen kann – mitnehmen? 

Bernd Jotzo: Das ist eine gute Frage. Wir konnten mitnehmen, dass wir eine wirklich total flexible Mitarbeiterschaft haben, die viele Dinge mitmacht. Wir mussten von heute auf morgen hergehen und die Arbeit umorganisieren im Lockdown. Jetzt haben wir hier lauter ITler im Haus, da ist es mit Homeworking und Notebook-Mitnehmen nicht wirklich schwierig, das ließ sich also organisieren. Wir haben für uns festgestellt, dass Homeoffice in der Tat für viele eine vernünftige Option ist, und das wird vielleicht etwas sein, das auch bleibt. 

M&B: Haben Sie bei der Nachfrage gemerkt, dass sich da etwas geändert hat? 

Bernd Jotzo: Nein, wir haben Riesen-Dusel gehabt. Wir haben eine Inbetriebnahme in Kanada nicht durchführen können, ansonsten bereiten wir gerade größere Projekte vor. Und dadurch, dass wir in den USA, in Kanada und in Australien sitzen, haben wir nicht solche Probleme. Wir mussten niemanden durch die Gegend schicken, weil wir überall Mitarbeiter sitzen haben. Wenn auch nicht in dem Maße, wie man es für eine große Inbetriebnahme braucht, aber die stand - Gott sei Dank - außer in Kanada sowieso nicht an. Unsere australischen Kunden sind in diesem Jahr der absolute Burner. Das Geschäft in diesem Jahr ist australiengetrieben. Riesige Auftragseingänge, und die halbe Mannschaft ist hier damit beschäftigt. Das ist eine Supersache. Wir haben gottlob nur geringe Einbußen durch Corona.

M&B: Und was haben Sie als Unternehmen im letzten halben Jahr als besonders hart empfunden?

Bernd Jotzo: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mehr direkt sprechen zu können. „Besonders hart“ wäre aber jammern auf höchstem Niveau. Daran muss man sich gewöhnen. Das Thema Videokonferenz ist halt nicht immer der Hit. Mich persönlich hat es jetzt weniger getroffen. Dadurch, dass viele Mitarbeiter zuhause geblieben sind, habe ich gesagt, ich fahre ins Büro, damit ich auch als Pandemiebeauftragter – so eine Stelle erbt man dann auch neu – vor Ort bin und Dinge machen und entscheiden kann. Aber besonders hart, im Arbeitsleben, kann ich gar nicht sagen. Mir hat es unendlich viel Zeit beschert, weil ich für alle administrativen Dinge, Verbände, Vereine zuständig bin und es ist ja alles abgesagt worden. Ich hatte plötzlich viel mehr Zeit übrig, die ich sinnvoll für Dinge nutzen konnte, die schon ewig liegen geblieben sind. Jetzt darf es gerne mal wieder losgehen. 

M&B: Jetzt gibt es ja auch einige Maßnahmen von der Bundesregierung wie Soforthilfen, Konjunkturpakete, und auch die Landesregierungen sind mit im Boot. Gibt es aus Ihrer Sicht etwas, das man vielleicht hätte besser machen können? 

Bernd Jotzo: Ich denke, das war für alle neu, auch für die Regierenden. Ich habe schon den Eindruck, dass mehr richtig als falsch gemacht worden ist im Land. Der Föderalismus hat ein bisschen für ein Durcheinander gesorgt, aber das ist auch nicht schlimm, denn im Zweifelsfall kommen ja bessere Lösungen dabei heraus, wenn mehrere Köpfe miteinander diskutieren. Ich glaube, was ein bisschen untergeht und was man in Berlin und Düsseldorf zu wenig beachtet, ist das Thema Kunst. Es geht ja nicht darum, dass Sarah Connor ein Konzert mehr oder weniger spielt, aber da hängen ja jede Menge Menschen dran. Und die meisten Künstler sind eben nicht so präsent in der Öffentlichkeit, dass sie sich mit CD- oder Downloadverkäufen über Wasser halten können. Die sind, glaube ich, alle einmal mit 2.000 EUR bedacht worden, aber so lange, wie sich das jetzt schon zieht und wie lange Veranstaltungen schon verboten sind, ist das nicht der Hit. Ich glaube, da muss man was tun. Hat jetzt nichts mit der Firma iSAM zu tun, aber das ist etwas, das ich persönlich total vermisse. Die Philharmonie in Essen hatte ein Notprogramm. Da habe ich Tickets erworben, und dann sagen die eine Woche vorher ab. Ohne Begründung. Ich wette, die haben nicht genug Karten verkauft. Denn der Künstler war in Deutschland und hat am Tag vorher und am Tag danach Konzerte gegeben. Da, finde ich, könnte man ein bisschen mehr tun. Ich denke, nach Corona brauchen wir auch alle ein bisschen Erbauung, sei es durch Comedians, sei es durch Musik, sei es durch Bildende Kunst. Wobei ich nicht weiß, wie stark Maler betroffen sind, die treten ja nicht vor Publikum auf und können auch weiterarbeiten. Galerien haben, denke ich mal, ja auch wieder auf.

M&B: Vorhin habe ich nach den Konjunkturpaketen gefragt, da waren Sie ein bisschen zögerlich. Jetzt gibt es ja auch Programme für den Mittelstand. Haben Sie etwas vermisst für den Mittelstand?

Bernd Jotzo: Nein, dadurch, dass wir keine Einbußen haben in nennenswertem Umfang, brauchen wir auch keine Hilfe. Natürlich habe ich verfolgt, was es gibt. Aber wir haben von vornherein gesagt, wenn wir nicht in Not kommen, dann müssen wir auch keine Hilfe beanspruchen. Das soll dann für andere da sein. Und insofern können wir da ohnehin nicht meckern.  

M&B: Das heißt, Sie hätten im Zweifelsfall auch gar nicht die Voraussetzung dafür gehabt, diese Soforthilfen zu beantragen?

Bernd Jotzo: Diese 9.000 EUR, die erstmal jeder gekriegt hat, dafür sind wir zu groß.

M&B: …aber dafür müsste man ja einen 60%igen Rückgang haben!

Bernd Jotzo: War kein Thema. Was wir uns allerdings angeschaut haben, weil wir ja auch nicht sofort abschätzen konnten, ob es für uns gut weiterläuft oder nicht, war, was muss man organisatorisch tun muss, wenn man Kurzarbeit in Anspruch nehmen möchte. Damit habe ich mich befasst und wir sind auch vom Unternehmerverband perfekt unterstützt worden. Die haben sofort dicke Abhandlungen geschickt. Ich wäre also vorbereitet gewesen, aber es ist ja nicht zum Tragen gekommen bei uns. Gott sei Dank. 

M&B: Schauen wir auf einmal auf Mülheim. Glauben Sie, dass wir wirklich besser durch Corona gekommen sind als andere? Oder eher nicht?

Bernd Jotzo: Gefühlt würde ich sagen besser. Ich wohne in Essen, das heißt, ich habe zuhause die WAZ, da kriege ich den Essener Lokalteil mit. Hier werfe ich auch immer einen Blick in den Mülheimer Lokalseiten. In Essen wird mehr gestöhnt. Ob das jetzt prozentual passt, sei dahingestellt, das kann ich nicht beurteilen. Aber das ist der Nachteil dieser nicht mehr stattfindenden Veranstaltungen. Ich habe auch nicht wirklich ein Stimmungsbild von anderen Unternehmen. Dadurch, dass wir unsere Kunden weiter wegsitzen haben und das auf Zuliefererseite auch nicht immer lokal ist, kriege ich das nicht wirklich mit. Der digitale Unternehmertag im Sommer war super und hat hervorragend funktioniert. Aber was natürlich auf der Strecke bleibt, ist der Austausch mit anderen Verbandsmitgliedern. Mit wem haben wir zu tun? Wir haben mit Autohäusern zu tun, die haben am Anfang sehr geklagt, das ist aber wieder weg. Ich sorge auch für die Beschaffung von Firmenwagen. Da ist jetzt kein repräsentatives Bild, aber da scheint es wieder anzulaufen. 

M&B: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jotzo!


Über die iSam AG

Fest verwurzelt im Ruhrgebiet entwickelt iSAM seit der Gründung 1983 Lösungen für die europäische Montanindustrie. Inzwischen ist iSAM globaler Technologieführer für automatisierten Massengutumschlag in Minen, Stahlwerken und Häfen mit eigenen Tochtergesellschaften in den USA, Kanada und Australien. Die Mülheimer Firma hat als erste Großgeräte mit 3-D-Scannern und GPS gesteuert und mehr als 15 Jahre vor der Einführung autonomer Fahrzeuge. Aktuell entwickelt die iSAM AG Technologien für die Containerterminals der Zukunft und die Bearbeitung von Verbundwerkstoffen moderner Verkehrsflugzeuge.