„Mittelstand funktioniert“: EASY SOFTWARE  

Wir starten heute mit dem ersten Teil unserer neuen Reihe. Wir fragen kleine und große Mülheimer Mittelständler, warum sie gut durch die Corona-Zeit kommen.

Im August besuchte Mülheim & Business ein Duzend mittelständischer Unternehmen aus verschiedenen Branchen, um im direkten Gespräch zu erfahren, warum der Mittelstand sich in der gegenwärtigen Corona-Zeit so gut behauptet. Aus den Gesprächen entstand die neunteiligen Reihe „Mittelstand funktioniert“, die wöchentlich bis Ende Oktober hier erscheinen  wird. Den Auftakt bildet das Interview mit Oliver Krautscheid, Vorstand der EASY SOFTWARE AG. Aufgrund der Länge bringen wir das spannende Interview in zwei Teilen.

M&B: Wie definieren Sie für sich den Begriff Mittelstand?

Oliver Krautscheid: Für mich ist Mittelstand eine Charakteristik, wie ein Unternehmen geführt wird und wie es Entscheidungen trifft. Ich möchte das nicht an Zahlen festmachen. Es gibt Unternehmen mit 100 oder 200 Mitarbeitern, die hoch bürokratisch sind und Unternehmen mit 500 Mitarbeitern, die sehr agil aufgestellt sind. Deswegen habe ich für mich ein paar Kriterien definiert, über die wir sprechen können. In diesem Kontinuum sehe ich Mittelstand als sehr unternehmerisch und kundenorientiert geprägt – im Gegensatz zum Großkonzern, der über Strukturen, Bürokratie und Selbstverwaltung verfügt.  Ich habe mit beiden Unternehmensgrößen Berührungspunkte gehabt, sowohl als Arbeitgeber als auch mit Kunden.

Das erste Kriterium ist die Kundenorientierung: Wie stark kann ein Unternehmen auf Kundenwünsche eingehen? Da gebe ich Ihnen mal ein Beispiel: Ein globales Software-Unternehmen, da finden Sie als mittelständischer Kunde keinen direkten Ansprechpartner. Die haben verschiedene Partnerprogramme ohne direkten Zugang zum Unternehmen. Außerdem kann ein Großunternehmen nur begrenzt auf individuelle Kundenwünsche eingehen. Wenn ein Kunde sagt. ‚Ich brauche noch einmal eine Anpassung oder ein Feature‘, sagt das Großunternehmen häufig: ‚Wir machen das Produkt für die Welt. Dein Problem ist zu speziell, um es zu lösen.‘ Wir als mittelständisches Software-Unternehmen gehen sehr wohl auf Kundenwünsche ein. Das ist ein Kriterium, bei dem ich sage: Je nachdem, wie stark ein Unternehmen auf individuelle Kundenbedarfe eingehen kann und je besser das gemacht wird, desto mittelständischer ist es. Und je weniger ein Unternehmen das schafft, desto stärker ist es ein Großkonzern.

Ein zweites wesentliches Kriterium für mich ist die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Ich habe Großunternehmen erlebt, da sitzen hochbezahlte Manager, die keine Risiken eingehen. Mittelständische Unternehmer gehen jedoch mit eigenem Kapital regelmäßig und gezielt Risiken ein. Die investieren in Innovationen. Jede Innovation hat das Risiko, dass sie entweder funktioniert oder nicht funktioniert. Ein großes börsennotiertes Unternehmen muss ein stetiges Quartalswachstum aufweisen, muss Planbarkeit haben. Da wollen Sie keine Risiken eingehen, die Ihnen ein Quartalsergebnis verhageln können. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal ist, ob ein Unternehmen bereit ist, größere Risiken einzugehen. Oder will man lieber ein sicheres Geschäft haben, bewahren und verwalten? Wir haben im letzten Jahr über 10 Mio. EUR in eine Technologie-Akquisition investiert. Dieses Jahr sind es 6 Mio. EUR in die Entwicklung innovativer neuer Produkte.

Ein drittes Kriterium sind flache Hierarchien und Zugang zu Entscheidungsträgern. Versuchen Sie mal, bei einem Großkonzern als Kunde einen Entscheidungsträger zu finden. Sie müssen erstmal durch dieses Organigramm kommen, durch das Gerangel der Zuständigkeiten. Bei einem mittelständischen Unternehmen haben Sie relativ schnell Leute, die entscheidungskompetent sind. Und wenn es Eskalationen gibt, sind Sie direkt bei der Geschäftsführung.

Das letzte Kriterium, das ich hier anbringen möchte – für die Einschätzung, was Mittelstand ist – ist das Thema soziale Verantwortung. Die ist aus meiner Sicht im Mittelstand ausgeprägter – ebenso wie auch die Zuverlässigkeit gegenüber Kunden und Mitarbeitern. Darunter verstehe ich, dass ein Mittelständler eher eine langfristige Entscheidungsperspektive hat. Ganz im Gegensatz zu einem börsennotierten Großkonzern, der eben sehr stark auf kurzfristige Entwicklungen achten muss. Wie hat sich EASY in dieser schwierigen Corona-Situation als Arbeitgeber gezeigt? Wir haben weder von Kurzarbeit Gebrauch gemacht, noch haben wir gesagt, dass wir Mitarbeiter abbauen oder Bezüge kürzen. Wir haben im ersten Monat gesagt: Macht euch keine Gedanken, wir zahlen eure Gehälter, auch wenn nicht alle Mitarbeiter voll arbeiten können. Wir haben das im zweiten Monat wiederholt und im dritten Monat gesagt: Bitte leistet einen Beitrag und nehmt ein paar Tage Urlaub. Aber die Leute sind durchbezahlt worden. Wir haben das ohne Gehaltskürzung gemacht. Das ist vielleicht ein Stück Luxus, den wir im Gegensatz zu Großunternehmen haben, in denen man allein aufgrund der großen Zahl schon fragen muss: Wenn hier Ausnahmen gemacht werden, wie ist das dann mit der Gleichbehandlung im Konzern? Das war uns auch bewusst. Wir können das nicht nur für ausgewählte Mitarbeiter machen, sondern müssen es allen Mitarbeitern anbieten und sagen: Auch wenn ihr nicht Vollzeit arbeitet, werdet ihr trotzdem Vollzeit bezahlt. Das haben wir auch einige Monate durchgehalten. Das empfinde ich als Zeichen sozialer Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern. Ich denke, das ist auch gut angekommen und dieser Zusammenhalt hat einen Beitrag geleistet, dass wir gut durch die Covid-19 Situation gekommen sind.

M&B: Jetzt sind Sie aber auch aktiennotiert. Sie fallen ja schon eher raus – selbst, wenn man sagt, es gibt verschiedene Definitionen. Was würden Sie sagen? EASY SOFTWARE ist mittelständisch, weil…

Oliver Krautscheid: Ja, auch EASY ist börsennotiert, wobei ich auf zwei ganz wichtige Charakteristika eingehen möchte: Die eine ist, dass EASY keinen Quartalsabschluss veröffentlicht; wir haben keine Quartalsdenke. Zusätzlich haben wir die Situation, dass zwei Aktionäre 75% des Kapitals vertreten. Also ist das eine sehr konzentrierte Gesellschafterstruktur und keine Publikumsgesellschaft, wo Sie als Vorstand den Finger in die Luft halten müssen, um mal zu schauen, wie der Wind gerade bei den Aktionären weht. Es ist auch unmöglich, eine repräsentative Umfrage unter den Aktionären zu machen, in welche Richtung wir gehen und welche Risiken wir eingehen wollen. Insofern sehe ich, dass die Börsennotierung sicherlich ein Indikator für die meisten Unternehmen ist, dass man eher ein Großkonzern ist. Bei EASY ist das zwar erfüllt, aber ich sehe es trotzdem nicht als relevant für die Mittelstandsdefinition. Darüber hinaus ist für uns der gehobene Mittelstand Kernmarkt. Meiner Meinung nach kann der Mittelstand am besten mit dem Mittelstand Geschäfte machen. Ich habe mal bei KPMG gearbeitet. Da hat man gesagt, die können nur Dienstleistungen für Großkonzerne machen, für DAX-Unternehmen. Und in der Tat war das auch so. Auch SAP – um mal im Softwarebereich zu bleiben – tut sich schwer, im Mittelstand Fuß zu fassen. Wenn ein Unternehmen also viele mittelständische Referenzkunden hat, spricht es dafür, dass es auch selbst mittelständisch ist. 

M&B: Was war denn besonders hart für Ihr Unternehmen in den letzten 6 Monaten? 

Oliver Krautscheid: Das Zwischenmenschliche ist liegengeblieben. Wir konnten uns relativ schnell umstellen auf digitale Kommunikation, aber der Umgang – so, wie wir ihn heute haben – war lange Zeit sehr ungewohnt. Es ist bei uns auch heute noch so, dass hier in Mülheim rund 30% der Belegschaft präsent arbeiten und 70% immer noch mobil. Die Identifikation mit dem Unternehmen, der Klatsch und Tratsch an der Kaffeemaschine, dieses Zwischenmenschliche geht verloren. Das war eine große Herausforderung.

Eine zweite große Herausforderung war, dass ja von heute auf morgen alle Kundenveranstaltungen, alle Messen, alle Termine abgesagt wurden. Und das ist für ein Unternehmen, das wachsen will und neue Kunden finden möchte, eine große Herausforderung. Und im Bereich der Software ist das noch problematischer als vielleicht bei Produkten, die Sie anfassen können. Software ist im Wesentlichen ein Vertrauensprodukt. Und weil wir ja Archivierungssoftware verkaufen, verkaufen wir das Versprechen, dass wir Unternehmensunterlagen auch noch die nächsten 20 Jahre zugänglich machen. Es ist eine Vertrauensentscheidung, wenn man unsere Produkte kauft. Wie wollen Sie einem Neukunden immer nur in Video- oder Webinar-Situationen rüberbringen, dass er uns vertrauen kann? Das haben wir alles hinbekommen. Aber als wir erst einmal davorstanden und sahen, dass von heute auf morgen Kundentermine abgesagt wurden, war es eine große Herausforderung. Auch die Frage, wie wir unsere Lösung beim Kunden implementieren; das ging dann am Ende auch remote, sodass wir Zugang zu den IT-Systemen bei den Kunden bekommen haben, aber dahinter stecken natürlich große Herausforderungen an die Mitarbeiter und an die Kunden. 

Wir haben aber andererseits auch davon profitiert, muss man sagen, dass unsere Kunden erleben mussten – und was sie hart getroffen hat – dass sie von heute auf morgen nicht mehr im Büro arbeiten konnten. Da haben viele Unternehmen festgestellt, dass man vertrauliche Unterlagen – wie z.B. den Arbeitsvertrag vom Geschäftsführer, Mitarbeiterverträge und Gehaltslisten – nicht in der Dropbox haben will. Viele Dokumente im Unternehmen sind vertraulich und wettbewerbsrelevant. Wenn die in Papierform im Unternehmen liegen, wie wollen Sie denn darankommen, wenn die Personalabteilung von zuhause aus arbeitet? Das heißt, sie brauchen eine Lösung wie die Personalakte von EASY, um eben dokumentenintensive Geschäftsprozesse mit vertraulichen Dokumenten sicher zugänglich zu machen. Das gleiche gilt für die automatisierte Rechnungseingangsprüfung und das digitale Vertragsmanagement. Dies sind einfach nur Beispiele, wo die Covid-19-Krise unseren Kunden gezeigt hat, dass sie mit EASY-Lösungen diese Dinge effizient und sicher gelöst bekommen. Das hat uns im ersten Halbjahr eine Sonderkonjunktur beschert, die uns wieder ausgeglichen hat, dass wir an anderer Stelle nicht zum Kunden vordringen konnten. Wir veröffentlichen heute (Anm. d. Red.: Tag des Gesprächs) unseren Halbjahresabschluss und ich kann nur sagen, dass wir ein gutes erstes Halbjahresgeschäft gemacht haben. Wir sind also nicht von Corona betroffen, weil wir Unternehmen geholfen haben, die es hart getroffen hat. Dort kennen wir den Schmerz und haben die passende Lösung dafür. 

TEIL 2 des Gesprächs mit Oliver Krautscheid erscheint am 16.9.


Über EASY SOFTWARE
Die EASY SOFTWARE AG mit Sitz in Mülheim an der Ruhr entwickelt seit 1990 intuitiv bedienbare, maßgeschneiderte Softwareprodukte für Kunden zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen, die sich nahtlos in bestehende Systeme integrieren lassen und Arbeitsabläufe ihrer Kunden weltweit automatisieren, mobilisieren und optimieren. Mit über 13.600 branchenübergreifenden Installationen ist die EASY SOFTWARE AG eines der marktführenden Unternehmen für Softwareprodukte und Softwarelösungen in Deutschland. Seit der Gründung im Jahr 1990 ist das Unternehmen in 60 Ländern aktiv und beschäftigt aktuell 393 Mitarbeiter. Die EASY SOFTWARE verfügt dabei über ein Netzwerk von rund 100 Partnern. Ihre internationalen Tochterunternehmen befinden sich in Europa, Asien und den USA

Im Geschäftsjahr 2019 erzielte die EASY SOFTWARE Gruppe Umsatzerlöse von 50,6 Mio. Euro.