Konjunktur: Erholung der Ruhrwirtschaft gefährdet

Die Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebiets haben am Freitag in Essen den 105. Konjunkturlagebericht vorgestellt.

„Nach dem wirtschaftlichen Einbruch infolge der Corona-Pandemie ging es langsam aufwärts – jedoch mit Unsicherheiten. Viele Stolpersteine bleiben auf dem Weg. Die dicksten Brocken sind sicher die Beschlüsse der Konferenz der Bundeskanzlerin und den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder von diesem Mittwoch“, fasst Jutta Kruft-Lohrengel, Präsidentin der in diesem Jahr federführenden Industrie- und Handelskammer zu Essen (IHK), das Ergebnis der aktuellen Konjunkturbefragung für das Ruhrgebiet zusammen. 

27 Prozent der Unternehmen haben die Lage bislang mit gut bewertet. Das sind elf Prozentpunkte weniger als zu Jahresbeginn. Nahezu verdreifacht hat sich dagegen der Anteil mit Negativbewertungen: 30 Prozent der Betriebe geben an, dass sie sich in einer schlechten Lage befinden. Zu Jahresbeginn lag der Konjunkturklimaindex im Ruhrgebiet noch bei guten 111 Punkten. Blitzumfragen haben gezeigt, dass er im Frühsommer infolge der Corona-Pandemie auf 82 Punkte eingebrochen ist. „Der Konjunkturklimaindex steht bei 96 Punkten. Die Ruhrwirtschaft befand sich auf dem Erholungspfad. Mit den erneuten Einschränkungen ist dieser akut gefährdet“, stellt die IHK-Präsidentin fest.

Der Blick in die Zukunft ist skeptisch. Ein Viertel der Befragten rechnete mit einem Anziehen in den kommenden Monaten. Drei von zehn Unternehmen befürchteten, dass sich die Lage verschlechtern wird. Etwa jedes zweite ging von einer gleichbleibenden Entwicklung aus. Das Problem: Langfristige Planungssicherheit gibt es derzeit nicht. Die Wirtschaft arbeitet von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. 

„Klar ist: Stand heute wären die Aussichten in einigen Branchen deutlich düsterer ausgefallen. Natürlich muss eine unkontrollierte Ausbreitung der Infektionen verhindert werden. Das ist für die Wirtschaft essenziell. Allerdings sollten Maßnahmen zielgerichtet an Infektionsherden ansetzen. Einige Vorgaben bedrohen die Existenz auch von Betrieben, die nicht als Infektionstreiber bekannt sind“, mahnt Kruft-Lohrengel.

Schon die Einschränkungen im Zuge der ersten Corona-Schutz-Verordnungen haben bei den Unternehmen die Umsätze einbrechen lassen. Sechs von zehn Betrieben rechnen damit, dass der Umsatz in diesem Jahr – zum Teil sehr deutlich – unter dem des vorausgegangenen Jahres liegt. Nur 17 Prozent prognostizieren eine Steigerung des Umsatzes. Bei 15 Prozent zeigten sich bislang keine Auswirkungen, was in diesem Fall sicherlich positiv zu werten ist. Eine nachlassende Inlandsnachfrage sehen fast zwei Drittel der Befragten als Risiko für die weitere Entwicklung an. „Bei allen Maßnahmen müssen Auswirkungen auf die Wirtschaft bedacht werden. Neue Restriktionen dürfen nicht so eng geschnürt werden, dass den Betrieben die Luft zum Atmen fehlt. Im Gegenteil: Wir brauchen einheitliche Regelungen mit Augenmaß“, so die IHK-Präsidentin. 

Vor allem das Gastgewerbe steht unter Druck: Zwei Drittel der befragten Hotels und Gaststätten bewerten die aktuelle Lage als schlecht. Mit Beginn der kalten Jahreszeit stand zu befürchten, dass die ohnehin schwache Auslastung noch weiter in den Keller rutscht. Das Gastgewerbe schleppte sich mit tiefen Sorgenfalten in die nächsten Monate: Zwei Drittel der befragten Betriebe befürchteten eine weitere Verschlechterung. 

„Jetzt kommt es für das Gastgewerbe noch dicker! Die Gastronomie soll ab kommenden Montag erneut schließen. Wir sehen dies kritisch. In den Restaurants und Gaststätten werden seit Monaten Hygienekonzepte umgesetzt: Masken, reduzierte Tischanzahl, regelmäßige Desinfizierung oder Datenerfassung. Uns ist bislang nicht bekannt, dass das gesamte Gastgewerbe als ein Hotspot von Neuinfektionen gilt. Wir befürchten, dass ein Teil der Betriebe die erneute Schließung nicht überstehen wird“, so die IHK-Präsidentin.

Ebenfalls düster sieht es bei Reisebüros, Veranstaltern oder Weiterbildungseinrichtungen aus. Sie fallen unter die Gruppe der personenbezogenen Dienstleistungen. Die Hälfte der Befragten beschreibt die derzeitige Lage als schlecht. Und auch hier blicken die Unternehmen sorgenvoll in die Zukunft. Jeder zweite Befragte geht von einer weiteren Verschlechterung aus. „Seitens der Bundesregierung sind neue Hilfen für die besonders betroffenen Branchen in Aussicht gestellt worden. Dies ist grundsätzlich eine richtige und wichtige Entscheidung. Es muss aber sichergestellt werden, dass die Mittel schnell und unbürokratisch bei den Betroffenen ankommen“, fordert die IHK-Präsidentin. 

Gerade nach den Wahlen auf kommunaler und regionaler Ebene erwartet die Wirtschaft von der Politik ein Signal: „Die Weichenstellungen der Politik müssen klar in Richtung Zukunft des Wirtschaftsstandorts weisen. Mit innovativen Unternehmen ziehen wir Menschen und Fachkräfte in die Region. Sie bieten Arbeits- und Ausbildungsplätze. Leistungsfähige Betriebe stützen die Kassen der Kommunen. Was wir brauchen ist eine Politik, die das erkennt und fördert - gerade in dieser Zeit“, so Kruft-Lohrengel.


Die Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebiets haben in Essen den 105. Konjunkturlagebericht der IHKs Dortmund, Duisburg, Essen, Mittleres Ruhrgebiet und Nord Westfalen (Emscher-Lippe-Region) vorgestellt. An der Umfrage beteiligten sich fast 1.000 Unternehmen mit 168.000 Beschäftigten.