Es ist eben keine Frage von „Gut“ oder „Böse“

In der Debatte um neue Flächen halten sich einige Stereotypen besonders hartnäckig. M&B sprach dem Mit-Autor des Flächenkonzepts.

M&B: Herr Seltmann, was fällt Ihnen bei dem Thema "Brachflächen" in Mülheim auf?

Gerhard Seltmann: Anders als in anderen Städten gibt es jedoch in Mülheim im innenstadtnahen Bereich bis heute große, wirtschaftlich genutzte Industrieflächen. Sollten derartige Flächen irgendwann einmal in größerem Umfang für Neunutzungen verfügbar werden, dann werden sich dort wegen der räumlichen Situation vordringlich Fragen der städtebaulichen und grünzonenbezogenen Entwicklung stellen. Und anders als in anderen Städten ist es in Mülheim bislang nicht gelungen, zumindest anteilig neue Gewerbe- und Industrieflächen bereitzustellen, um die Verluste zu kompensieren, denn bis heute wurden in Mülheim insgesamt rund 40 ha ehemaliger Gewerbe- und Industrieflächen für andere Zwecke umgewidmet.  Das spiegelt sich in den Wirtschafts- und Sozialdaten ebenso wie bei den Gewerbesteuereinnahmen. Deshalb ist die Debatte um das Wirtschaftsflächenkonzept wichtig.         

M&B: Ein Stereotyp ist die vermeintlich hohe ökologische Wertigkeit von Ackerböden, Feldern und Wiesen. 

Gerhard Seltmann: Die „Kommission Bodenschutz“ beim Umweltbundesamt führt in einem Positionspapier vom Juli 2020 folgendes aus: „Die Vielfalt des Bodenlebens wird vor allem durch die intensive Landwirtschaft beeinträchtigt, wie sie auf 45% der europäischen Böden mit den wenigen Ausnahmen der Biolandwirtschaft stattfindet. Häufige Befahrung mit schwerstem Gerät presst die Poren und Hohlräume im Boden zusammen und zerstört den Lebensraum kleiner Bodentiere. In der Folge entstehen Staunässe und Sauerstoffmangel, die zu einer Abnahme der Boden-Biodiversität führen. Auch vereinfachte Fruchtfolgen verschlechtern die Lebensbedingungen vieler Bodenorganismen. Und der intensive Einsatz von Pestiziden tötet sie häufig ab.“ Auch diese Seite gilt es bei der Diskussion über die Ausweisung neuer Gewerbegebiete zu beachten. Selbstverständlich können derartige Gebiete zu weiterer Bodenversiegelung und möglicherweise auch zu erhöhtem Regenwasserabfluss führen. Aber es ist eben keine Frage von „Gut“ oder „Böse“. Notwendig ist vielmehr eine sinnvolle Abwägung, die unter Berücksichtigung von Wirtschaftskraft und Steuereinnahmen alle Flächenpotentiale auf den Prüfstand stellt. Dazu hat der Wirtschaftsausschuss des Stadtrates mit seinem Beschluss zur Erarbeitung einer „Flächenmatrix“ eine Grundlage geschaffen. Wenn es zur Ausweisung neuer Flächen kommt, dann könnte die Stadt Mülheim eine Schrittmacherrolle bei der Schaffung „nachhaltiger Gewerbegebiete“ übernehmen. Über Rahmenplanungen, Bebauungspläne und Verträge können kombinierte Maßnahmen hinsichtlich der Beschaffenheit von Freiflächen und Baukörpern, der Energieversorgung und der Mobilität entwickelt werden, die dazu führen, dass Belastungen der Umwelt nicht nur begrenzt, sondern gegenüber bisherigen Nutzungen auch reduziert werden.       

M&B: Ein häufiges Argument, das immer wieder bemüht wird, ist das der „Nachverdichtung von bestehenden Flächen“. Ist das etwas dran?

Gerhard Seltmann: Die Stadt Mülheim verfügt über rund 750 ha an Gewerbe- und Industrieflächen. Die Nutzungen innerhalb des Bestandes sind wie andernorts nicht statisch, sondern immer in Bewegung. Unternehmen wandern ein, erweitern sich, orientieren sich neu, wollen sich verlagern oder stellen den Betrieb ein. So entstehen immer wieder auch kurzzeitige Leerstände und untergenutzte Flächen. Unsere Analysen der Beschäftigungszahlen haben jedoch gezeigt, dass die Bestandsflächen vergleichsweise hoch verdichtet sind, also intensiv genutzt werden. Gleichwohl ist es sinnvoll, Veränderungen zu verfolgen und standortsuchenden Unternehmen immer wieder Hinweise auf Leerstände oder untergenutzte Flächen zu geben. Das ist ein wesentlicher Teil der Tätigkeit der Wirtschaftsförderung. Unabhängig von den Ergebnissen, die im positivsten Fall zur Mobilisierung von einigen tausend Quadratmetern führen könnten, ist jedoch festzuhalten: Die mögliche Nachverdichtung von Gewerbegebieten ist eine sinnvolle Begleitmaßnahme, aber keinesfalls ein Ersatz für den grundsätzlichen Gewerbeflächenbedarf der Stadt Mülheim, der nach den Berechnungen der Regionalplanung bei rund 88 ha in den nächsten 15 Jahren liegt.