Vier Fragen zum neuen Wirtschaftsflächenkonzept an Gerhard Seltmann

"Die schrittweise Umsetzung würde sich erheblich auf die Gewerbesteuereinnahmen und die allgemeinen Steuerkraft der Stadt auswirken", so Gutachter Seltmann.

Im Auftrag der Mülheim & Business GmbH hat die Arbeitsgemeinschaft BFR- Büro für Regionalanalyse (Dortmund) und GseProjekte- Büro für Regionalentwicklung (Dinslaken) von Juli bis Oktober 2019 das Wirtschaftsflächenkonzept für die Stadt Mülheim an der Ruhr erarbeitet. Neben Jochen Weiand Gutachter  ist Gerhard Seltmann von GseProjekte – Büro für Regionalentwicklung Mitautor des neuen Wirtschaftsflächenkonzepts. Wir sprachen mit ihm u.a. darüber, was für einen anderen Ansatz beiden Autoren hatten.

Mülheim & Business: Was ist der Unterschied zum Masterplan aus dem Februar 2019?

Gerhard Seltmann: Der ja seinerzeit von den Stadtverordneten nicht beschlossene Entwurf des „Masterplans“ geht davon aus, das „die gewerbliche Entwicklung sich künftig allein auf den bereits vorhandenen und den wenigen zusätzlichen Flächen, die nun im Regionalplan ausgewiesen werden sollen, abspielen muss und damit der voraussichtliche Bedarf nicht gedeckt werden kann. Diese Perspektive bedeutet real, dass die Stadt in rund zwei Jahren keine gewerblich-industriellen Flächen mehr anbieten kann und dies auch für die aktuell vorgesehene, 20-jährige Laufzeit des Regionalplans festschreibt. Die Stadt müsste also bei der Ansiedlung oder Verlagerung von Betrieben mittel- und langfristig darauf hoffen, dass andere Unternehmen zusammenbrechen, deren Flächen im Anschluss irgendwann neu genutzt werden könnten. Mein Kollege Jochen Weiand und ich haben zunächst nachgewiesen, dass die wirtschaftliche Entwicklung und die Beschäftigtenzahlen in Mülheim an der Ruhr in den letzten Jahren gegenüber vergleichbaren Städten zurückgefallen sind – mit den entsprechenden Folgewirkungen für den Haushalt. Und wir haben dann umfassend dargestellt, dass es trotz unleugbar vorhandener Zielkonflikte möglich wäre, zusätzliche Gewerbe- und Industrieflächen auszuweisen. Zudem ließen sich viele dieser Zielkonflikte auf der  Ebene der Bauleitplanung ausräumen.   

Mülheim & Business: Was empfehlen Sie der Stadt Mülheim im Konzept?

Gerhard Seltmann: Wir schlagen drei Module vor, die parallel bearbeitet werden sollten: Zum einen die schnelle Mobilisierung von zwei Flächen mit rund 6 ha, die bereits für den Regionalplan angemeldet wurden. Damit könnte die akute Flächenknappheit zumindest für die nächsten zwei Jahre gemindert werden. Zum anderen sollte die mittel- und langfristige Entwicklung von weiteren vier Flächen angegangen werden, die insgesamt rund 86 ha umfassen. Damit würde der seitens der Regionalplanung ermittelte, zusätzliche „kommunale Bedarf“ der Stadt in Höhe von 88 ha weitgehend ausgeglichen. Und schließlich könnte die Stadt über die langfristige Entwicklung von zwei Großflächen mit zusammen rund 116 ha einen Beitrag dazu leisten, die latente Nachfrage nach industriellen Großflächen über 10 ha in der gesamten Metropole Ruhr zu bedienen. Die schrittweise Umsetzung aller drei Module würde sich ganz erheblich auf die Gewerbesteuereinnahmen und die allgemeinen Steuerkraft der Stadt auswirken.       

Mülheim & Business: Sie haben ja eine Reihe von Städten und Kreisen beraten, was ist in Mülheim besonders markant?

Gerhard Seltmann: Da gibt es verschiedene Punkte: Derzeit stehen rund 6 ha an Gewerbeflächen zur Verfügung. Die Nachfrage allein von Mülheimer Unternehmen lag aber im letzten Jahr bei rund 40 ha. Die Stadt ist also schon jetzt nicht annähernd in der Lage, die Entwicklung der heimischen Wirtschaft zu stützen. Im Entwurf des „Masterplans“ wird zu Recht darauf verwiesen, dass auch Städte wie Bochum, Essen und Oberhausen derzeit den seitens der Regionalplanung ermittelten „kommunalen Bedarf“ nicht vollständig verorten können. Anders als Mülheim an der Ruhr verfügen diese Städte allerdings aktuell über erhebliche, planerisch gesicherte Flächenreserven. Bliebe es bei der im Entwurf des „Masterplans“ formulierten Perspektive, wäre die Stadt Mülheim an der Ruhr im Gegensatz zu den genannten Städten in rund zwei Jahren bei unbebauten Gewerbe- und Industrieflächen vollständig handlungsunfähig. Und anders als diese Städte – sowie weiterer vergleichbarer Kommunen in NRW und dem übrigen Bundesgebiet – hat Mülheim an der Ruhr von der langanhaltenden positiven Wirtschaftsentwicklung nur vergleichsweise wenig profitiert. Dies gilt für die geringen Steigerungsraten bei der Beschäftigung ebenso wie für diejenigen beim Bruttoinlandsprodukt und bei der Bruttowertschöpfung; überdurchschnittlich angestiegen sind hingegen die sozialen Mindestsicherungsleistungen. Eine Ursache dieser Entwicklung besteht sicherlich darin, dass in Mülheim an der Ruhr nicht nur aktuell, sondern auch über die letzten Jahre hinweg kontinuierlich nur vergleichsweise geringfügige gewerblich-industrielle Potentialflächen zur Verfügung standen.        

Mülheim & Business: Wie sind sie bei den empfohlenen Flächen vorgegangen? Was haben Sie alles beachtet?

Gerhard Seltmann: Wir haben uns zunächst die grundsätzlichen Daten zu siedlungsbezogenen Nutzungen in der Stadt angeschaut. Im Ergebnis ist festzuhalten, dass die Stadt Mülheim an der Ruhr weniger dicht besiedelt ist als der Durchschnitt aller kreisfreien Städte in der Metropole Ruhr. Zudem ist innerhalb des Siedlungsraums ist der Anteil von Gewerbe- und Industrieflächen an der Gesamtsiedlungsfläche ebenfalls deutlich geringer als im Durchschnitt. Im Anschluss daran haben wir nach einem Scan des gesamten Stadtgebietes insgesamt 9 Flächen näher betrachtet und diese einheitlich auf folgender Basis analysiert: Entwurf Regionalplan Ruhr; Regionaler Flächennutzungsplan (RFNP); Landschaftspläne; Bebauungspläne; Flächeninformationssystem ruhrFIS; Gewerbliches Flächeninformationssystem ruhrAGIS; Digitales Flächenmodell NRW (DGM); Allgemeines Liegenschaftskataster (ALK); Luftbilder (RVR). Im Ergebnis haben wir dann eine Fläche als nicht realisierbar eingestuft und bei einigen weiteren Flächen die mögliche Flächengröße deutlich reduziert. 


Gerhard Seltmann
1980 bis 1989 Referent und Referatsleiter im Ministerium für landes- und Stadtentwicklung NRW; im Anschluss stellvertretender Geschäftsführer der IBA Emscher Park GmbH in Gelsenkirchen. Von 1995 bis 2000 Geschäftsführer der EXPO 2000 Sachsen-Anhalt Gmbh in Dessau, danach Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt. Ab 2003 Inhaber von gseProjekte – Büro für Regionalentwicklung – in Dinslaken.